Das kulturelle Funktions- und das kulturelle Speichergedächtnis

Jan Assmann übernimmt Halbwachs’ These von dem Primat der Gegenwart über die Vergangenheit, deren Darstellung immer von spezifischen Motiven, Erwartungen, Hoffnungen und Zielen geleitet ist, sowie von einem gegenwärtigen Bezugsrahmen geformt wird (vgl. J.Assmann 1992: 88).

Allerdings bezweifelt er, dass die Vergangenheit nur reine Rekonstruktivität ist. Seines Erachtens hat die Vergangenheit auch Einfluss auf die Gegenwart. Aleida Assmann schränkt jedoch ein, dass, wann und wie bestimmte historische Ereignisse erinnert werden, davon abhängig ist, ob Gruppen sie „zu relevanten und bleibenden Bezugspunkten ihres historischen Selbstverständnisses gemacht haben.“ (A.Assmann 2004: 5)

Das kulturelle Gedächtnis ist zwar festgelegt auf unverrückbare Fixpunkte und Wissensbestände, doch die Gegenwart „setzt sich dazu in aneignende, auseinandersetzende, bewahrende und verändernde Beziehung.“ (J.Assmann 1988: 13) Es umfasst nicht die Summe des verfügbaren historischen Wissens, und es bietet auch keine objektiven Abbilder der Vergangenheit, sondern ist vielmehr auf die gegenwärtigen Bedürfnisse der Identität von sozialen Gruppen ausgerichtet. Verändert sich die Gruppe in ihrer Identität, verändern sich auch die Fixpunkte (vgl. A.Assmann 2004: 6).

Diese werden jedoch nicht für immer vergessen, da es im kulturellen Gedächtnis zwei Modi gibt: Zum einen den Modus der Potentialität als Totalhorizont angesammelter Texte, Bilder und Handlungsmuster und zum anderen den Modus der Aktualität, d.h. von einer jeweiligen Gegenwart aus wird ein Bestand an objektiviertem Sinn aktualisiert (vgl. J.Assmann 1988: 13).

Ausgehend davon unterscheidet Aleida Assmann zwischen einem kulturellen Funktions- und einem kulturellen Speichergedächtnis (vgl. A.Assmann 1999: 134 ff.; A.Assmann 2004: 24). Während im kulturellen Speichergedächtnis Überlieferungsbestände bewahrt werden, die nicht mehr gebraucht werden, verschüttet oder vergessen sind, umfasst das kulturelle Funktionsgedächtnis hingegen die von einer Gesellschaft tatsächlich gebrauchten, zirkulierenden und ‚bewohnten‘ Überlieferungsbestände, d.h. es ist immer verbunden mit einem Träger, der eine Gruppe, eine Institution oder ein Individuum sein kann. Demgegenüber ist das Speichergedächtnis losgelöst von einem spezifischen Träger, da in ihm Bestände gespeichert sind, die den vitalen Bezug zur Gegenwart verloren haben.

Das Funktionsgedächtnis ist sehr selektiv, da es immer nur einen kleinen Teil des möglichen Erinnerungsgehalts umfasst. Das Speichergedächtnis ist das Reservoir zukünftiger Funktionsgedächtnisse, da seine Bestände Ressourcen der Erneuerung sind. So wird die Möglichkeit des kulturellen Wandels geschaffen. Das kulturelle Gedächtnis deckt sich also nicht vollständig mit dem, was innerhalb einer Gruppe an Sinn zirkuliert, sondern speichert auch das Vergessene.

Literatur:
Assmann, Aleida, 1999: Erinnerungsräume: Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. Broschierte Sonderausg. C. H. Beck Kulturwissenschaft. München: Beck.

Assmann, Aleida, 2004: Das kulturelle Gedächtnis an der Milleniumsschwelle: Krise und Zukunft der Bildung. Konstanzer Universitätsreden, 216. Konstanz: Univ.Verlag Konstanz

Assmann, Jan, 1988: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität. S. 9–19 in: Jan Assmann und Tonio Hölscher (Hg.), Kultur und Gedächtnis. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Assmann, Jan, 1992: Das kulturelle Gedächtnis: Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. C. H. Beck Kulturwissenschaft. München: Beck.

Assmann, Jan und Tonio Hölscher (Hg.), 1988: Kultur und Gedächtnis. 1. Aufl. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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