Das kulturelle Gedächtnis der DDR und ihr Gründungsmythos

Die DDR wählte, ebenso wie die Bundesrepublik, den Nationalsozialismus als Bezugspunkt und legitimierte sich als Nation über ihre Interpretation der Ursachen des Faschismus. Beide deutsche Staaten entwarfen Geschichtsbilder nach den Bedürfnissen ihrer Identitätskonstitution. Dabei war es besonders wichtig, die Abkehr vom Nationalsozialismus mit einer für die Bevölkerung akzeptablen Erzählung zu verbinden.

Die DDR wählte einen ganz bestimmten Gründungsmythos, welcher die Grundlage für ihr Selbstverständnis war und ihren Bewohnern Anknüpfungspunkte geben sollte, um ein Wir-Bewusstsein zu entwickeln. Die Deutung des Nationalsozialismus erfolgte im Rahmen des Antifaschismus (vgl. Sabrow 2006: 139 ff.; Schmid 2004: 12 ff.; Münkler 1996: 460; Maaz 1993: 163;). Im offiziellen Geschichtsverständnis war die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 vor allem das Werk des Finanzkapitals, welches mit der Aufstellung des faschistischen ‚Hitler-Regimes‘ seine von der proletarischen Revolution der KPD bedrohte Herrschaft sichern wollte. Faschismus und Kapitalismus waren untrennbar miteinander verbunden, denn Hitler war ein Agent des Finanzkapitals und die Hauptgegner des Faschismus war diesem Gründungsmythos zufolge die Arbeiterklasse. Deren Mitglieder zählten in den Darstellungen im Gegensatz zu Bauern, Handwerkern, Geschäftsleuten, Beamten und Angestellten nur in ganz kleiner Zahl zu den Anhängern des nationalsozialistischen Systems. So war die Zeit zwischen 1933 und 1945 im Geschichtsbild der DDR ein ununterbrochener Kampf zwischen kommunistischen Widerstandskämpfern und imperialistischen Eliten, den die antifaschistischen Kämpfer Seite an Seite mit der Roten Armee gewannen.

Die DDR verstand sich als antifaschistischer Staat, dessen Führung die Nationalsozialisten besiegt hatte. Die BRD hingegen galt als kapitalistisch-imperialistischer Staat, in dem sich das NS-Regime fortsetzte. Mit dieser Deutung gehörte der Nationalsozialismus nicht mehr zur ‚Eigengeschichte‘ der DDR.
Viele Mitglieder aus der Führungsriege der SED hatten dem Historikers Jürgen Danyel zufolge ein Gefühl moralischer Überlegenheit, da sie nicht nur von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, sondern auch aktiv gegen sie gekämpft hatten (Danyel 1995: 33). Doch ein Großteil der deutschen Bevölkerung hatte, wie Münkler richtig bemerkt, zwischen 1933 und 1945 keinen Widerstand geleistet. “Es waren somit einige wenige, die als beispielhaft und vorbildlich herausgestellt werden mussten, damit sich die große Mehrheit der Bevölkerung in eine Tradition stellen konnte, die in den wenigsten Fällen tatsächlich die ihre war.” (Münkler 1996: 462)

Mit dem antifaschistischen Gründungsmythos wurde ein Deutungsangebot für die Bevölkerung geschaffen, die sich durch die Erinnerung an den antifaschistischen Widerstand mit dem eigentlich negativen Fixpunkt Nationalsozialismus identifizieren konnte. Als Gründungsmythos hatte dieser jedoch noch eine weitere wichtige Funktion: Er legitimierte auch den neuen Staat, denn durch die gesetzte Erinnerung an den Widerstand der KPD, deren Mitglieder die Hauptlast der Opfer getragen haben sollen, bestand so die Berechtigung für ihre politische Führung in dem ostdeutschen Staat. Die SPD hingegen hatte im Kampf gegen den Faschismus versagt. Somit konnte die Vereinigung dieser beiden Parteien zur SED unter politischer Führung der Kommunisten durch den Mythos begründet werden

Literatur:

Danyel, Jürgen, 1995: Die Opfer- und Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens? Zum Umgang mit der Widerstandstradition und der Schuldfrage in der DDR. S. 31–46 in: Jürgen Danyel (Hg.), Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten. Zeithistorische Studien; 4. Berlin: Akad.-Verlag

Maaz, Hans-Joachim, 1993: Zur psychischen Verarbeitung des Holocaust in der DDR.
S. 163–168 in: Bernhard Moltmann (Hg.), Erinnerung. zur Gegenwart des Holocaust in
Deutschland-West und Deutschland-Ost. Arnoldshainer Texte; 79. Frankfurt am Main:
Haag + Herchen.

Münkler, Herfried, 1996: Das kollektive Gedächtnis der DDR. S. 458–468 in: Dieter Vorsteher (Hg.), Parteiauftrag ein neues Deutschland. Bilder, Rituale und Symbole der frühen DDR. München: Koehler & Amelang.

Sabrow, Martin, 2006: Die NS-Vergangenheit in der geteilten deutschen Geschichtskultur. S. 132–151 in: Christoph Kleßmann (Hg.), Teilung und Integration. Die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte als wissenschaftliches und didaktisches Phänomen. Reihe Politik und Bildung; 41. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag

Schmid, Harald, 2004: Antifaschismus und Judenverfolgung: Die „Reichskristallnacht“ als politischer Gedenktag in der DDR. 1. Aufl. Berichte und Studien / Hannah-Arendt-Institut für Totalirismusforschung, 43. Göttingen: V & R Unipress.

Ähnliche Beiträge:

  1. Das kulturelle Gedächtnis
  2. Der Gründungsmythos einer Nation