Die Vergangenheit ganz nah. Mein Facebook-Freund Henio Żytomirski

Seit dem 16. Dezember 2010 habe ich einen neuen Freund. Er heißt Henio Żytomirski und ist 1933 in Lublin geboren. Das ist zunächst nichts Besonderes und bietet auch noch keinen interessanten Forschungsgegenstand. Was Henio jedoch von all meinen anderen Freunden unterscheidet, ist, dass er mit 8 Jahren im Konzentrationslager Majdanek ermordet worden ist. In seinem Leben wäre ich ihm nicht begegnet, er begegnet mir aber in meinem Leben, er ist mein Facebook-Freund: Ich schaue mir seine virtuellen Familienfotos an und kann mit ihm chatten. Und zwischendurch schreibt Henio an seine (virtuelle Pinnwand), was er erlebt hat/bzw. erlebt, wenn wir jetzt in seiner Zeit wären. Natürlich ist es nicht der tote, jüdische Junge, der über die zeitliche Distanz von fast 70 Jahren im Internet von seinem Leben berichtet. Sein Facebook-Profil ist erschaffen worden vom Kulturzentrum Brama Grodzka – Teatr NN aus Lublin, welches das Ziel verfolgt durch Henios Lebensgeschichte an Lubliner Juden zu erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Dennoch sind es nicht die Mitarbeiter des Kulturzentrums mit denen ich kommuniziere, sondern mein Facebook-Freund Henio. Dabei scheint der lineare Zeitstrahl bei dieser Freundschaft aufgehoben und Vergangenheit und Gegenwart sind, wenn nicht ununterscheidbar so aber doch ganz nah.

Dennoch ist nicht zu vergessen, dass Erinnern an Vergangenes immer von einem gegenwärtigen Punkt aus geschieht. Schon der Vater der modernen sozial- und kulturwissenschaftlichen Gedächtnistheorien Maurice Halbwachs betonte die Rekonstruktion der Vergangenheit in der Gegenwart (2008 [1925]). Erinnerung lässt sich dahingehend auch als ein Prozess der Überwindung von zeitlicher und räumlicher Distanz zwischen dem Erinnernden und dem zu erinnernden Ereignis umschreiben. Es verwundert daher nicht, dass gerade im wissenschaftlichen Gedächtnis- und Erinnerungsdiskurs häufig Metaphern des Raumes und des Ortes als Beschreibung für den Prozess des individuellen aber auch des kollektiven Erinnerns dienen, wie etwa Pierre Noras Konzept der lieux de mémoire (2005) oder Aleida Assmanns Begriff der Erinnerungsräume (2003). Im Kontrast dazu steht die Charakterisierung des Internets als ein zeitliche und räumliche Grenzen überschreitendes Medium (vgl. Erll 2004). Wenn es jedoch keinen Raum gibt, kann durch das Erinnern auch keine Distanz überwunden werden. Erzeugen digitale Medien daher absolute Gegenwarten, wie einige Forscher vermuten (vgl. etwa Flusser 2000, 2003; Osten 2004) Das Beispiel von Henio scheint dies zu widerlegen. Zudem spielen auch in der Beschreibung der verschiedenen Online-Angebote Raum-Metaphern eine zentrale Rolle: Chattrooms, Cyberspace, Online Foren, Plattformen, Portale, um nur einige Beispiele zu nennen (vgl. Becker 2004).

Anlehnend an den genannten Raum-Metaphern kann man das Fallbeispiel als einen virtuellen Erinnerungsort verstehen, anders aber, als in nicht-digitalen Gedächtnis- oder Erinnerungsorten, wie z.B KZ-Gedenkstätten, gibt es keine physische Ausdehnung, auch ist er an keinen geographischen Ort angekoppelt. Vielmehr kann man ihn als Kommunikations- und Interaktions-Ort begreifen, denn ich interagiere mit Henio und mit seinen anderen Facebook-Freunden. Durch diese Interaktionen entsteht eine Nähe, welche bestimmt ist von dem Fallbeispiel als virtueller Ort der Erinnerung aber auch von der spezifischen Medialität des Online-Dokuments.

Keine ähnlichen Artikel gefunden.