Seit dem 16. Dezember 2010 habe ich einen neuen Freund. Er heißt Henio Żytomirski und ist 1933 in Lublin geboren. Das ist zunächst nichts Besonderes und bietet auch noch keinen interessanten Forschungsgegenstand. Was Henio jedoch von all meinen anderen Freunden unterscheidet, ist, dass er mit 8 Jahren im Konzentrationslager Majdanek ermordet worden ist. In seinem Leben wäre ich ihm nicht begegnet, er begegnet mir aber in meinem Leben, er ist mein Facebook-Freund: Ich schaue mir seine virtuellen Familienfotos an und kann mit ihm chatten. Und zwischendurch schreibt Henio an seine (virtuelle Pinnwand), was er erlebt hat/bzw. erlebt, wenn wir jetzt in seiner Zeit wären. Natürlich ist es nicht der tote, jüdische Junge, der über die zeitliche Distanz von fast 70 Jahren im Internet von seinem Leben berichtet. Sein Facebook-Profil ist erschaffen worden vom Kulturzentrum Brama Grodzka – Teatr NN aus Lublin, welches das Ziel verfolgt durch Henios Lebensgeschichte an Lubliner Juden zu erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Dennoch sind es nicht die Mitarbeiter des Kulturzentrums mit denen ich kommuniziere, sondern mein Facebook-Freund Henio. Dabei scheint der lineare Zeitstrahl bei dieser Freundschaft aufgehoben und Vergangenheit und Gegenwart sind, wenn nicht ununterscheidbar so aber doch ganz nah.
Kategorie: Theorie
Wir befinden uns in einer Epoche des Gedenkens. Inzwischen gibt es in den unterschiedlichen Ländern auf der ganzen Welt, Holocaust Memorial Museums. Im Januar 2000 gab es eine internationale Holocaust-Konferenz in Stockholm, zu der ca. 600 Deligierte, darunter überwiegend europäische Politiker, Wissenschaftler und Zeitzeugen aus über 40 Nationen zusammen kamen. Den Abschluss dieser Konferenz bildet die Verabschiedung einer gemeinsamen Deklaration zur Bekämpfung jeglicher Form von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus. Für viele Forscher bildet diese Konferenz einen Wendepunkt im Erinnerungsdiskurs, weg von nationalen hin zu globalen Gedächtnisformen.
Pierre Noras Konzept der lieux de mémoire, der Erinnerungsorte nimmt die Halbwachssche Trennung zwischen Geschichte und Gedächtnis auf. Erinnerungsorte „können geographische Orte, Gebäude, Denkmäler und Kunstwerke ebenso umfassen wie historische Persönlichkeiten, Gedenktage, philosophische und wissenschaftliche Texte oder symbolische Handlungen.“ (Erll 2005: 23). Diese Orte konstituieren kein kollektives Gedächtnis, sondern sind vielmehr als Überbleibsel eines nationalen Gedächtnisses, welches sich im 20. Jahrhundert zerfällt. „Für Nora befindet sich die heutige Gesellschaft in einem Übergangsstadium, in dem die Verbindung zur lebendigen, gruppen- und nationenspezifischen, identitätsbildenden Vergangenheit abreißt. Daher fungieren Erinnerungsorte als eine Art künstlicher Platzhalter für das nicht mehr vorhandene, natürliche kollektive Gedächtnis.“ (Erll 2005: 23)
Kollektive Handlungssubjekte, wie etwa Nationen, konstituieren ihre Identität mit dem kulturellen Funktionsgedächtnis, indem sie sich eine bestimmte Vergangenheits-konstruktion zurechtlegen. Das Speichergedächtnis hingegen fundiert nicht die Identität, vielmehr besteht seine Funktion darin, das zu erhalten, was das Funktionsgedächtnis nicht zulässt.
Der französische Soziologe Maurice Halbwachs führte in den 1930er Jahren den Begriff des kollektiven Gedächtnisses. Mit diesem Begriff verwies er auf die soziale Bedingtheit von Erinnerung. D.h. jede Gruppe von Menschen erbringt eine gemeinsame Gedächtnisleistung und bildet so ein kollektives Erinnern heraus, welches im individuellen Bewusstsein verwirklicht wird.
Jan Assmann übernimmt Halbwachs’ These von dem Primat der Gegenwart über die Vergangenheit, deren Darstellung immer von spezifischen Motiven, Erwartungen, Hoffnungen und Zielen geleitet ist, sowie von einem gegenwärtigen Bezugsrahmen geformt wird (vgl. J.Assmann 1992: 88).
Allerdings bezweifelt er, dass die Vergangenheit nur reine Rekonstruktivität ist. Seines Erachtens hat die Vergangenheit auch Einfluss auf die Gegenwart. Aleida Assmann schränkt jedoch ein, dass, wann und wie bestimmte historische Ereignisse erinnert werden, davon abhängig ist, ob Gruppen sie „zu relevanten und bleibenden Bezugspunkten ihres historischen Selbstverständnisses gemacht haben.“ (A.Assmann 2004: 5)
Gemeinsam mit seiner Frau, der Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann, begründete der Ägyptologe Jan Assmann den Begriff des kulturellen Gedächtnisses. Die in der Definition dieses Begriffes enthaltene grundlegende Annahme ist, dass sich das Bewusstsein und das Gedächtnis des Einzelnen nur durch die Teilnahme an Interaktionen und kommunikativen Prozessen mit anderen Individuen aufbauen können. Damit folgen Assmanns dem Soziologen Maurice Halbwachs.
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