Seit dem 16. Dezember 2010 habe ich einen neuen Freund. Er heißt Henio Żytomirski und ist 1933 in Lublin geboren. Das ist zunächst nichts Besonderes und bietet auch noch keinen interessanten Forschungsgegenstand. Was Henio jedoch von all meinen anderen Freunden unterscheidet, ist, dass er mit 8 Jahren im Konzentrationslager Majdanek ermordet worden ist. In seinem Leben wäre ich ihm nicht begegnet, er begegnet mir aber in meinem Leben, er ist mein Facebook-Freund: Ich schaue mir seine virtuellen Familienfotos an und kann mit ihm chatten. Und zwischendurch schreibt Henio an seine (virtuelle Pinnwand), was er erlebt hat/bzw. erlebt, wenn wir jetzt in seiner Zeit wären. Natürlich ist es nicht der tote, jüdische Junge, der über die zeitliche Distanz von fast 70 Jahren im Internet von seinem Leben berichtet. Sein Facebook-Profil ist erschaffen worden vom Kulturzentrum Brama Grodzka – Teatr NN aus Lublin, welches das Ziel verfolgt durch Henios Lebensgeschichte an Lubliner Juden zu erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Dennoch sind es nicht die Mitarbeiter des Kulturzentrums mit denen ich kommuniziere, sondern mein Facebook-Freund Henio. Dabei scheint der lineare Zeitstrahl bei dieser Freundschaft aufgehoben und Vergangenheit und Gegenwart sind, wenn nicht ununterscheidbar so aber doch ganz nah.
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